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Kopfwanderung 2. Jänner

Anlässe Kultur im Kopf oder vielleicht auch mit den Beinen zu erwandern. Hier der 2.Jänner 1911.

 

Zusammen mit Franz Marc, Alexej Jawlensky, Marianne von Werefkin und Gabriele Münter und anderen Mitgliedern der "Neuen Künstlervereinigung" besucht Wassily Kandinsky am 2. Januar 1911 ein Konzert Arnold Schönbergs in München. Unter diesem musikalischen Eindruck entsteht 1911 das Gemälde "Impression 3".

Schon 1914 floh Kandinsky am Tag nach dem Kriegsausbruch an den Bodensee. Er fürchtete als russischer Staatsbürger eine Internierung durch das deutsche Militär. Die Zeit vom 6. August bis 16. November 1914verbrachte er in Mariahalde bei Goldach am Bodensee ist auch die letzte gemeinsame Zeit mit Gabriele Münter. Paul Klee besucht die beiden dort.

Abstraktion. "Schönbergs Musik führt uns in ein neues Reich ein, wo die musikalischen Erlebnisse keine akustischen sind, sondern rein seelische. Hier beginnt die Zukunftsmusik." konstatierte Kandinsky. Aufgeführt wurde unter anderem ein Streichquartett sowie die Klavierstücke opus 11. Die Avantgarde Künstler waren begeistert, besonders vom Streichquartett opus 10, bei dessen Uraufführung es in Wien 1908 zu Tumulten im Publikum kam. Kandinsky erfuhr durch dieses Konzert einen wesentlichen Impuls auf dem Weg zur Abstraktion. Es war ein einschneidendes Erlebnis für den synästhetisch veranlagten Kandinsky, ein musikalisches

Schlüsselerlebnis. Ähnlich wie sich Schönberg von den Zwängen musikalischer Kompositionsgesetze befreite, strebte Kandinsky eine Loslösung von dem Diktat der Naturnachahmung an. Der Verzicht auf eine perspektivische Darstellung sowie die Loslösung der Farbe von dem gegenständlichen Motiv führten Kandinsky unmittelbar in die Abstraktion.

Blaue Reiter. Beide, Maler und Komponist, begegneten sich an einem Wendepunkt. Kandinsky suchte umgehend den persönlichen Kontakt zu Schönberg, der auch malte, und machte ihn zu einem Mitglied des "Blauen Reiters". In seinem ersten Brief an Schönberg schreibt er: "Sie haben in Ihren Werken das verwirklicht, wonach ich in freilich unbestimmter Form in der Musik so eine große Sehnsucht hatte. Das selbstständige Gehen durch eigene Schicksale, das eigene Leben der einzelnen Stimmen in Ihren Compositionen ist gerade das, was ich in malerischer Form zu finden versuchte."

Wassily Kandinsky war so begeistert von Schönbergs Kompositionen, dass er sich von einer befreundeten Münchner Pianistin die aktuellen Partituren vorspielen ließ. Diese Klänge und Töne setzte er malerisch in Farbklänge und Farbtöne auf der Leinwand in seinen "Träumerischen Improvisationen" um. Gerade beim Umsetzen von Musik in abstrakte Malerei malt der Maler kein Bild der sichtbaren Umwelt - keine Blumenvase, kein Porträt - sondern lässt sich zum Beispiel von seinem Gehörsinn inspirieren und gewinnt so konkrete Ideen für abstrakte Formen. Diese Tatsache war für die Entwicklung der Modernen Kunst revolutionär. Kandinsky wurde damit der "Erfinder" der abstrakten, gegenstandslosen Kunst. Die abstrakte Kunst stellt neben die reale Welt eine neue, die äußerlich nichts mit der Realität zu tun hat. So wird neben die Naturwelt eine neue Kunstwelt gestellt - allerdings eine ebenso reale Welt.

Kandinsky kommentierte Schönbergs Feststellung "Wir sind heute ja schon so weit zwischen Konsonanz und Dissonanz keinen Unterschied mehr zu machen. Oder wenigstens den, dass wir Konsonanzen weniger gern verwenden." (A. Schönberg: "Harmonielehre") mit folgenden Worten: "Das ist, was man Anarchie nennt, worunter man eine Gesetzlosigkeit versteht und worunter man Ordnung verstehen muss, welche in einer anderen Sphäre wurzelt: in der inneren Notwendigkeit. Gegensätze und Widersprüche, das ist unsere Harmonie... Logisch fließt daraus auch die Zusammenstellung zweier farbiger Töne miteinander. Auf diesem Prinzip der Antilogik werden jetzt Farben nebeneinander gestellt, die lange Zeit für disharmonisch galten. So ist es zum Beispiel mit der Benachbarung von Rot und Blau, dieser in keinem physikalischen Zusammenhang stehenden Farben, die aber gerade durch den großen geistigen Gegensatz unter ihnen als eine der stärkstwirkenden, eine der bestpassenden Harmonien heute gewählt werden. Unsere Harmonie ruht hauptsächlich auf dem Prinzip des Gegensatzes, diesem zu allen Zeiten größten Prinzip der Kunst."

Blauer Brief. Man hat das Zusammentreffen von Schoenberg und Kandinsky als eine der großen Konjunktionen am künstlerischen Himmel des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Ein intensiver Briefwechsel zwischen dem Maler und dem Multitalent Schönberg, in dem die beiden ihre neuen Ideen austauschten, entstand. Der gemeinsame Regelbruch sollte sich bald als wichtiger Durchbruch in der modernen Kunst herausstellen. Doch die Freundschaft scheiterte an den Zeiten, die sich anbahnten. Schlussendlich folgte 1923 der "blaue Brief" Schoenbergs, der die Freundschaft definitiv beendete. Schoenberg warf Kandinsky Antisemitismus vor.

Die hehren Biografien unterschlagen nicht ungern dieses Kapitel. Gerne wird der Antisemitismusvorwurf als ein Ränkespiel von Anna Mahler dargestellt. Diese hatte ihm berichtet, dass Kandinsky und Gropius den Juden Schönberg nicht am Bauhaus wollten. Sensibilisiert auf seine Herkunft als assimilierter Jude wurde Schönberg im Sommer 1921 durch ein Ereignis im Ferienort Mattsee in Salzburg, als die dortige Gemeindeverwaltung alle Juden aufforderte (lange vor Hitler), den Ort zu verlassen. Gropius und Kandinsky zeigten sich von der Reaktion betroffen, doch Schönberg war sensibilisiert durch den österreichischen Antisemitismus und zeigte in seinen Briefen an Kandinsky bereits eine Weitsicht, die ihm damals allerdings noch als Verfolgungswahn ausgelegt wurde.

Kandinsky folgte 1921 einer Einladung von Walter Gropius ans Bauhaus nach Weimar und verließ Russland, in das er während des ersten Weltkrieges zurückzukehren gezwungen war. Rechtzeitig, bevor die junge Sowjetmacht damit begann, auch ihre Künstler und Intellektuellen zu verfolgen. Eine Berufung Schönbergs nach Weimar scheiterte angeblich an einer Gruppe von Bauhausprofessoren - zu denen auch Kandinsky gehören soll, die den Juden Schönberg nicht in Weimar wollten. Als ein Jahr später Kandinsky in einem Schreiben offenbart, dass Schönberg doch ans Bauhaus kommen könnte, schreibt dieser für diese Zeit geradezu prophetische Sätze: "Wie kann ein Kandinsky es gutheißen, dass ich beleidigt werde; wie kann er an einer Politik teilnehmen, die [die] Möglichkeit schaffen will, mich aus meinem natürlichen Wirkungskreis auszuschließen; wie kann er es unterlassen, eine Weltanschauung zu bekämpfen, deren Ziel Bartholomäusnächte (sic!) sind, in deren Finsternis man das Taferl, dass ich ausgenommen bin, nicht wird lesen können!"

Beide mussten Deutschland dann 1933 verlassen. Kandinsky ging nach Paris, seine Bilder galten seit 1937 als "entartet" und Schönberg wanderte nach Amerika aus, wo er 1951 starb.

 

  • Wassily Kandinsky. Am 4. Dezember 1866 in Moskau geboren. Nach Jurastudium 1896 Übersiedlung nach München und bis 1900 Studium an der Kunstakademie bei Franz von Stuck. Er trifft dort u.a. Paul Klee und Alexej von Jawlensky. 1909 Mitbegründer der "Neuen Künstlervereinigung". 1910 malt Kandinsky sein erstes abstraktes Aquarell. 1911 zusammen mit Franz Marc Gründung des "Blauen Reiter". 1912 Veröffentlichung der theoretischen Schrift "Über das Geistige in der Kunst", worin er für eine nicht-materialistische, "synthetische", unter der Vorherrschaft des Geistes stehende Kunst eintritt. Wegen des Ausbruches des I. Weltkrieges flüchtete er mit seiner Lebensgefährtin Gabriele Münter nach Goldach am Bodensee. 

    Danach Rückkehr nach Moskau, nach der Revolution Professor an den dortigen Staatlichen Kunstwerkstätten und Mitglied der Abteilung Kunst im Kommissariat für Volksaufklärung. 1921 Übersiedlung nach Berlin. 1922-1933 Leitung eines Meisterateliers am Bauhaus. Ungefähr gleichzeitig Beginn einer Epoche von kühlen tektonischen Bildern und Zeichnungen. 1926 erscheint das Buch "Punkt und Linie zu Fläche". Im gleichen Jahr trifft Kandinsky Malewitsch zum letzten Mal in Dessau. 1933 Übersiedlung nach Neuilly-sur-Seine. Ab 1933 enge Kontakte zu "abstraction-création". In der Pariser Zeit entwickelt sich Kandinskys Spätwerk zu heiteren, fast spielerischen geometrischen Figurationen. Am 13. Dezember 1944 in Neuilly-sur-Seine gestorben.

 

 

Blauer Georg und Blauer Reiter am Bodensee.

 

Der „Blaue Reiter“ Wassily Kandinskys und der blaue St. Georg von Franz Reiter sind zwei Richtungen deren Ursprung in der Münchner Malerei des fin de sciècle lag, freilich mit einer völlig auseinanderklaffenden weiteren Entwicklung.


Kandinsky hielt sich bekanntlich auch von August bis November 1914 in unmittelbarer Vorarlberger Nachbarschaft am Bodensee auf. Wegen des Ausbruches des I. Weltkrieges flüchtete er mit seiner Lebensgefährtin Gabriele Münter nach Goldach am Bodensee. Er wohnte dort in der Villenanlage Mariahalde von Jeannette (von) Lingg und arbeitete bereits an seinem 1926 erscheinenden Werk "Punkt und Linie zu Fläche". Paul Klee besuchte die beiden dort, wie Kandinsky noch am 8. November 1914 an Franz Marc schrieb.

Der "Blaue Reiter", das Titelbild des Almanachs von 1911 war ein in Holz geschnittener Reiter, eine Reminiszenz an die Tradition vor allem der russischen Ikonenmalerei. Kandinsky liebte das Motiv des heiligen Drachentöters zu Pferd. Er gilt als Märtyrer, der oft mit Pferd und Fahne als Drachenbekämpfer dargestellt ist. Der Drache steht symbolisch für den "Teufel und alle dämonischen Kräfte". Somit versinnbildlicht der Drachenbekämpfer einerseits Ritterlichkeit und andererseits den Kämpfer gegen Heidentum und Aberglaube. Zur Farbe Blau, die das Bild dominiert, schrieb Kandinsky:

 

„Je tiefer das Blau wird, desto tiefer ruft es den Menschen in das Unendliche, weckt in ihm die Sehnsucht nach Reinem und schließlich Übersinnlichem. Es ist die Farbe des Himmels."

Heiliger Georg als blauer Ritter. Der heilige Georg (* im 3. Jahrhundert; † 23. April um 303) war ein Märtyrer, der zu Beginn der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian (284–305) gestorben sein soll. In den Ostkirchen wird er als Großmärtyrer und Erzmärtyrer verehrt. Auch in den russischen Ikonen wird er immer wieder als legendärer Drachentöter, Befreier und Märtyrer abgebildet. Er ist zudem einer der verehrtesten Heiligen im Christentum, ein archetypischer Ausdruck eines "programmatischen Weltverbesserungsgedankens"

 

Das Georgslied wiederum ist eine althochdeutsche Dichtung, entstanden gegen Ende des 9. Jahrhunderts. Die Entstehung auf der Reichenau am Bodensee scheint wahrscheinlich. Durch den Mainzer Erzbischof und Reichenauer Abt Hatto III. (891–913) gelangten ebenso die Georgsreliquien zur Georgskirche in Reichenau. Auch der sprachliche Befund des Georgsliedes verweist unter anderem auf die Reichenau. Um die Mitte des 11. Jahrhunderts verfasste Hermann von Reichenau († 1054) - berühmt als Hermann der Lahme - der Universalgelehrte seiner Zeit, eine „Geschichte des heiligen Georgs“, eine lateinische Dichtung, die aber leider verloren gegangen ist.

Der blaue Ritter von Franz Reiter. Reiter inszenierte just 1911 - also zeitparallel zu Kandinsky sein Deckengemälde für die neue Milberthofener St. Georgskirche in München. Das königliche Staatsministerium für Kirchen- und Schulangelegenheiten 1911 einen Wettbewerb unter „den in Bayern lebenden Künstlern aus“. Daraus ging unter 47 Mitbewerbern mit dem Entwurf „Sturm“, des in Vorarlberg lebenden und in München wirkenden Malers Franz Reiter als Sieger hervor. Der erste Preis war ihm zuerkannt worden, weil „die wohlbefriedigende Komposition im vollen Einklang mit der Architektur steht“.

Das längsovale geschwungene Deckenbild, das in der Länge ungefähr 12,40 Meter, in der Breite 7,50 Meter maß, enthielt ebenfalls den Kirchenheiligen. Seine realistische Version des Drachenkampfes inszenierte Reiter an der östlichen Schmalseite des Bildfeldes. Es war das erste Bild, das an der Decke beim Eintritt in die Kirche sichtbar wurde. Der Heilige Georg sprengt dabei in einer blauen Rüstung auf einem Schimmel herbei und tötet den Drachen, der sich unter ihm windet, mit einem Lanzenstich. Reiter setzte dazu Wolken, Dunst und das Licht des Himmels als pittoreske Elemente ein. Nach Franz Reiters eigenem Bekunden waren es vor allem eine romantische Begeisterung für atmosphärische Ausnahmezustände über dem Bodensee, die ihn zu diesem Wolkenmotiv inspirierten. Der Titel seiner Einreichung nannte sich aus diesem Grunde "Sturm".

 

  • Franz Reiter aus Höchst. Franz X. Reiter (* 14. Dezember 1875 in Gmunden; † 9. Februar 1918 Freistadt) lebte etwa ab dem dritten Lebensjahr in Höchst. Er besuchte zu seiner künstlerischen Ausbildung die Glasmalereischule und die Staatsgewerbeschule in Innsbruck. Von 1897 bis 1905 studierte er an der Akademie der Bildenden Künste in München, u.a. auch bei dem Professors für Religiöse Malerei Martin Ritter von Feuerstein (* 6. Januar 1856 in Barr, Elsass; † 13. Februar 1931 in München).
  • Martin Ritter von Feuerstein - Riezlern. Feuersteins Vorfahren, ebenfalls Künstler, stammten aus dem Kleinwalsertal. Von ihm und seinen Schülern der Meisterklasse der Akademie der Bildenden Künste München wurde in den Jahren 1903 und 1904 die Ausmalungen der römisch-katholische Pfarrkirche Maria Opferung in Riezlern im Kleinwalsertal vorgenommen. Er gilt auch als ein später Repräsentant der Nazarener.
Impressionen III - Gemälde unter dem Eindruck des Konzertes von Schoenberg vom 2. Januar 1911
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Almanach Blaue Reiter 1911
Kandinsky links, Schoenberg rechts
Neujahrswünsche von Arnold Schoenberg an Wassily Kandinsky zum Jahr 1912
Maria Opferung - Riezlern, Kleinwalsertal
Franz Reiter, Entwurf für ein Deckenbild in der Pfarrkirche, St. Georg München-
Milbertshofen, Gouache auf Karton, 1911, Landesmuseum Vorarlberg Bregenz
Selbstbildnis Martin von Feuerstein
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