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Kopfwanderung 1. Jänner

Anlässe Kultur im Kopf oder vielleicht auch mit den Beinen zu erwandern. Hier der 1. Jänner 1896.

 

Die Zeitschrift, die dem "Art Nouveau" im deutschsprachigen Raum den Namen "Jugendstil" lieh, "Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben", erschien am 1.Jänner 1896 in München zum ersten Mal. Das Programm war keines: "Ein "Programm" im spießbürgerlichen Sinn des Wortes haben wir nicht."


Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben. Das großzügig gestaltete, von Anfang an mit Farbdruck arbeitende Blatt gehörte zu den wichtigsten Geschmacks- und Meinungsbildnern gerade der Zeit um die Jahrhundertwende. Innerhalb von zehn Jahren war sie bereits derart bedeutend, dass ihr Meyers großes Konversations-Lexikon in der 6. Aufl. 1905-1909 bereits einen eigenen Beitrag widmet: "Jugend, eine 1896 von Georg Hirth (s. d.) begründete und herausgegebene, in München erscheinende, illustrierte Wochenschrift, die in modernem Geiste Fragen der Kunst und des öffentlichen Lebens in Wort und Bild behandelt, daneben aber auch von den Tagesfragen unabhängige literarische und künstlerische Beiträge ernsten und humoristisch-satirischen Inhalts veröffentlicht. Redakteure sind F. v. Ostini, S. Sinzheimer, A. Matthaei und F. Langheinrich."


München. Die Erneuerung der Kunst und des künstlerischen Lebens um 1900 war eine breite Bewegung und wurde von vielen Kräften getragen. München war in letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Plätze für die künstlerische Ausbildung geworden, der besonders die Jugend aus Ost- und Nordeuropa anzog. Die Stadt war eines der Zentren des Jugendstils, der hier gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Opposition zum dominierenden Historismus Fuß zu fassen suchte. Künstler wie Hermann Obrist, Henry van de Velde, August Endell und Adolf Hoelzel bereiteten den Boden für eine Kunst, "die nichts bedeuten und nichts darstellen und an nichts erinnern" wollte. Wassily Kandinsky übersiedelte 1896 nach München. Gabriele Münter oder Frank Wedekind wirkten hier. Für die "Jugend", neben der ebenfalls 1896 gegründeten Zeitschrift "Simplicissimus", arbeiteten vor allem Mitglieder der Künstlervereinigung "Die Scholle". Ähnlich wie Franz von Stuck oder Julius Exter waren diese Künstler um 1900 maßgeblich an der Erneuerung der Münchner Malerei beteiligt. Sie halfen mit, der Kunst der Gruppe "Blauer Reiter" den Weg zu bahnen. Bis zum Ersten Weltkrieg blieben München und Oberbayern ein Brennpunkt der modernen Kunst von internationalem Rang.


Programm. In der Jugend sollte sie ihr Forum finden. Das Programm der Programmlosigkeit wurde zum Schmelztiegel, zeigte sich offen für die unterschiedlichsten Strömungen und wurde Förderer für eine Vielzahl von Künstlern und Literaten: "Ein "Programm" im spießbürgerlichen Sinn des Wortes haben wir nicht. Wir wollen Alles besprechen und illustrieren, was interessant ist, was die Geister bewegt; wir wollen Alles bringen, was schön, gut, charakteristisch, flott und - echt künstlerisch ist." Schon in den ersten sieben Jahrgängen der Zeitschrift sind über 250 Künstler vertreten. Das meiste wirkt farbenfroh-unschuldig, verliebt, träumerisch oder karnevalesk, manchmal weihe- und geheimnisvoll und erregte mit dem radikal neuen Erscheinungsbild Erstaunen. Das Originelle, ja Exzentrische war geradezu erwünscht und das Verrückte, wenn es vom Talent gesegnet, war nicht verboten. Von Woche zu Woche wechselte das Titelblatt, Seite für Seite brachte bunte und lebensvolle Formen der Graphik, poetische, belletristische, literarische und sogar musikalische Beiträge. Die vom Verleger Georg Hirth gegründete Zeitschrift propagierte nicht einen neuen einheitlichen Stil, sondern präsentierte verschiedenste Experimente und Vorschläge für neue Gestaltungsweisen des 20. Jahrhunderts. Alle Künstler sind noch weitgehend unbekannt, und alle haben einen unmittelbaren Bezug zu München. Für viele, so auch für Max Slevogt und Ernst Barlach, war die Jugend eine der ersten Gelegenheiten, ihre Arbeiten vorzustellen. Manche erlangten erst später Berühmtheit wie Henry van de Velde, Aubrey Beardsley, Peter Behrens, Joseph Maria Olbrich, Louis Comfort Tiffany und Gustav Klimt. Nahezu alle Künstler des Münchner Jugendstils begannen hier ihre Laufbahn, fanden hier erstmals eine Öffentlichkeit.


Art Nouveau. Da sich die Zeitschrift besonders der neuen Kunst, dem "Art Nouveau" widmete, kam es in Deutschland allmählich zu einer neuen Bezeichnung dieses neuen Stils. Der deutschen Bezeichnung Jugendstil entsprechen französisch - oder besser: international - "Art Nouveau" und englisch "Modern Style" oder "Style Liberty". Es war der Stil, der in der "Jugend" propagiert wurde, der "Jugendstil". Gegen den Willen ihres Herausgebers wurde die Jugend zwar zur Namensgeberin einer ganzen kunstgewerblichen und literarischen Stilrichtung, aber auch wenn "Die Jugend" Namensgeber der Kunstrichtung ist, lassen sich Inhalt und Ausrichtung der Jugend auch in ihrer Hochzeit nicht auf das Label "Jugendstil" reduzieren. Eine Beschreibung der Jugend durch Merkmale des Jugendstils würde wesentliche Aspekte der Zeitschrift ausblenden. Neben modernen Illustrationen und Ornamenten spielten auch satirische und kritische Texte ein große Rolle im Heft. Der Kunstzeitschrift war allerdings mit dem Jugendstil zumindest in dem Erscheinungsbild gemein, die alten verstaubten und unzeitgemäßen Formen durch modernere ornamenthafte und blumenartige Darstellungen abzulösen.


Immerhin wird aber deutlich, wie wichtig das Heft für Kunst und Literatur der Jahrhundertwende war. Sie verstand sich als eine vielseitig interessierte Unterhaltungszeitschrift, die dem traditionellen Kulturkanon kritisch gegenüberstand und jegliche Form der Spießigkeit ablehnte. Sie ähnelte darin dem ebenfalls 1896 gegründeten "Simplicissisimus" oder der seit 1895 erscheinenden Zeitschrift "PAN", obwohl die scharfe politische Satire die Ausnahme blieb. Als Zeitschriftentyp ist die Jugend künstlerisch, satirisch, kritisch und universal. Satire und Lyrik sind ihre wichtigsten literarischen Gattungen. Zu den Autoren zählen u.a. der heute weitgehend vergessene Georg Bötticher, Fritz von Ostini, Anton Alfred Noder, Karl Ettlinger, Franz Kunzendorf.

Weltkrieg I. Ab dem Ersten Weltkrieg wurde die Jugend zunehmend zu einer deutsch-nationalen und bayrisch - heimattümelnden Zeitung. Mit dem Tod des Zeitschriftengründers Georg Hirth im Jahr 1916, einer unsteten Geschäftsleitung und in einer wirtschaftlich schwierigen Nachkriegszeit bewegte sich die Zeitschrift ein Jahrzehnt am Rande des Abgrunds. Das änderte sich erst wieder unter der Schriftleitung von Franz Schoenberner als die Jugend ab 1927 eine Modernisierung erfuhr. Die allzu bajuwarisch schollenverhaftete und bierselige Atmosphäre wurde abgelöst durch eine scharfe Intellektualität und skeptische Wachheit. Kurze Skizzen von Hermann Kesten, satirische Gedichte von Erich Kästner oder zornige Artikel von Kurt Tucholsky gaben der Zeitschrift ein neues Profil. Kleine böse Zeichnungen von George Grosz, dunkle märchenhafte Monstren von Alfred Kubin und fragile Totentänze Mayrhofers trafen das Morbide und Makabre der Zeit.


Drittes Reich. Die Zeitung konnte noch bis 1940 erscheinen, freilich um den Preis einer totalen Anpassung an die nationalsozialistischen Vorgaben. In der Sondernummer "Tag der Deutschen Kunst" 1937 heißt es in der Einleitung: "Als das deutsche Volk uneinig und zerrissen war, maßte sich auch die Kunst an, sich von ihrem Volke loszusagen und ein selbständiges Eigenleben zu führen". "Wenn sich die Kunst loslöst vom Pulsschlag des Volkes, wird sie unfähig ethische Werte zu zeugen." Aber die Zeit des "krankhaften Intellektualismus", der "künstlerischen Verirrung" und des "entwurzelten Geisteslebens" sei vorbei.

 

 

Jugendstil in Vorarlberg.

Der Jugendstil hatte auch seine "Mode" in Vorarlberg. Während die repräsentativen Bauten sich meist noch dem süddeutschen Heimatstil anlehnten, war man bei der Innenraumgestaltung und den Accessoires dem Jugendstil zugetan.

Der Heimatstil in der Architektur um 1900 stimmt mit dem das Individuelle suchenden Jugendstil häufig überein, mit dem er sich im Dekor - gerade auch bei den Objekten in Vorarlberg - zuweilen auch vermischt. Als spätromantische Reaktion auf die moderne Industriegesellschaft war er großstadtfeindlich. Seine eigentliche Entfaltung erlebt er in der Gartenstadtbewegung vor dem Ersten Weltkrieg. Die Wohnform ist dabei das freistehende Einfamilienhaus mit kleinem Garten am Stadtrand in Anlehnung an das vorindustrielle, bäuerliche Leben auf dem Land.

So ist es eben auch schwer Bauobjekte der Jugendstilperiode in Vorarlberg ausschließlich dieser zuzuordnen. Bedeutsam scheint auch, dass die Auftraggeber für die Jugendstilobjekte doch die öffentlichen Institutionen und weniger auch das liberale Wirtschaftsbürgertum war, das wesentlicher dem Heimatstil verhaftet schien.

Zwei innerösterreichische Architekten spielten in der Jugendstilarchitektur in Vorarlberg eine wichtige Rolle: Ernst Dittrich und Hanns Kornberger beeindrucken durch eine hohe Baukultur.

Ernst Dittrich. (* 16. Dezember 1868 Haida; † 21. Dezember 1948 Klosterneuburg) erstellte die Planung für das Feldkircher Landesgericht (1903–1905) und die gegenüber liegende Finanzlandesdirektion für Vorarlberg (1911/12). Der Ministerialbeamte war nach der Jahrhundertwende die zentrale Architektenpersönlichkeit in Feldkirch. Dittrich lieferte auch die Entwürfe für eine Reihe weiterer Jugendstilobjekte in Feldkirch: die Stadthäuser Churer-Tor Nr. 4/6 und Montfortgasse Nr. 15, die Apotheke in der Kreuzgasse, die Villa Mary in der Reichenfeldgasse und die Jahnturnhalle.


Hanns Kornberger. (* 26. Mai 1868 in Bruck an der Mur; † 1933 in Hohenems), gebürtig aus der Steiermark, ließ sich von 1900 bis 1915 in Dornbirn nieder und wirkte später in München. Von ihm stammen einige jugendstilbeeinflusste Objekte, so die Villen Grabenweg Nr. 8 und Schulgasse Nr. 17 in Dornbirn, die Villa Kaiser-Franz-Josef-Straße Nr. 5 und das alte Krankenhaus in Hohenems sowie die Villa in der Bahnhofstraße Nr. 15 in Nenzing. Er gestaltete auch das Stadthaus Maurachgasse Nr. 32 in Bregenz.


Otto Mallaun. Ein Jugendstilbeispiel zeigt die Apotheke in der Bregenzer Rathausstraße (Fassade und Geschäftsräume, 1913) vom Bregenzer Baumeister Otto Mallaun (1874 - 1957). Es belegt aber auch den Ausnahmecharakter des Jugenstiles in der Vorarlberger Baugeschichte. Bauten von Otto Mallaun sind ein besonderes Beispiel der Übernahme und lokalen Anwendung eines englischen Reihenhausvorbildes, das eng mit dem Heimatstil und der damit auch initiierten Gartenstadtidylle und beginnendem Arbeitersiedlungsbau korrespondiert. Die Baubeispiele in Kennelbach, Dornbirn und Feldkirch zeugen davon. 


Christian Zangerl sen. Die Turnhalle beim ehemaligen Feldkircher Gymnasium (1900) stammt von Christian Zangerl sen. (1856 - 1914), einem gebürtigen Tiroler, der in Feldkirch ansässig wurde, ebenso die Villa neben dem Landesgericht (Schmölz-villa), welche Elemente des Heimatstiles und des Jugendstiles sichtbar vermengt.

Die dem Jugendstil den Namen gebende Zeitschrift Jugend.
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Landesgericht Feldkirch
Hohenems, Krankenhaus
Apotheke in Feldkirch
Jugendstilbank „Cäcilienruh“
Dornbirn, Marktplatz, Lugerhaus
 

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