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Naturfreunde Vorarlberg

Naturfreunde Vorarlberg
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NATURFREUNDE TIPPS

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Ein Themen-Wanderweg durch ein reichhaltigstes und wertvolles Naturschutzgebiet.

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Das Jahresprogramm der Vorarlberger Naturfreunde zum Herunterladen.

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Unlautere Tourismuswerbung?
© NFV

Neue Herrenpilze: Laternser Pilzsammelverbot richtet sich gegen die Waldfreiheit

Derjenige Tourist, der zwar Pilze (be)suchen, sie aber nicht sammeln darf, wird sich von solcher Werbung wohl belogen fühlen. Kaum ein erfolgreiches Tourismuskonzept.

Frauen sind auch in der Sprache sehr feinfühlig. Wenn irgendein Nomen mit "Herren" verbunden ist, dann wissen sie immer, dass damit Macht gemeint ist. Diese Macht muss dabei zwar nicht ausschließlich masculin sein, immer aber ist es Herrschaft. So steht es auch um den Herrenpilz.

Pilzköpfe. Der wird nämlich deshalb so genannt, weil er im Mittelalter der Pilz der "Herren" war, der Pilz der Herrschaften des Adels und der Geistlichkeit. Den Bauern und Bürgern war der Genuss und das Sammeln verwehrt, sie mussten ihn der Herrschaft abliefern. Dem Adel oder dem Kloster. Mit der Abschaffung der Privilegien der Stände und einer bürgerlichen Gesellschaft hatte auch der Herrenpilz sein "Namensrecht" verloren.

Denn der Herrenpilz ist in Wirklichkeit nur ein Schweinpilz. Die alternative Bezeichnung "Steinpilz" für den Herrenpilz ist eine Folge der Eindeutschung und der Lautverschiebung. Die in Italien gebräuchliche Bezeichnung "porcino" für den Steinpilz, geht auf das lateinische Wort für Schwein, "porcus", zurück. Der deutsche Name Steinpilz erscheint damit lediglich als das Ergebnis einer Lautveränderung und heißt er eigentlich Schweinpilz, anlehnend an die italienisch/lateinische Namensgebung.

Pilzsammelverbot. Die Gemeinde Laterns hat mit Unterstützung einer Landesbehörde ein windiges Pilzsammelverbot erlassen. Die Pilzsammler werden mit Wilderern und Erntedieben gleichgestellt und ihnen wird - wider besserem Wissen - gar strafrechtliche Verfolgung angedroht.

Die Vorarlberger Naturfreunde fordern dazu die umgehende Beseitigung der irreführenden Verbotsschilder und wollen durch das Land sichergestellt wissen, dass die Bürger auch in Zukunft den Wald als sanften Erholungsraum, unter Berücksichtigung des Naturschutzes, nutzen dürfen. Dazu gehört die Durchsetzung der Bestimmungen des Forstgesetzes ebenso wie die Anwendung des Vorarlberger Naturschutzrechtes durch die Behörden des Landes Vorarlberg!

Die Gemeinde beruft sich dabei nicht auf ihre behördliche Funktion sondern auf ihr "Recht" als Waldeigentümer und Grundbesitzer. Dabei werden sowohl die Bestimmungen des "eigenen" Vorarlberger Naturschutzrechtes umgangen als auch das österreichische Forstgesetz. Das Forstgesetz 1975 hat die gewohnheitsrechtliche Allmende des freien Zuganges zum Wald und die beschränkte Nutzung des Waldes durch die Menschen endlich positivrechtlich geregelt und damit einer weiteren Privatisierung der Allmende Wald einen Riegel vorgeschoben.

Commons. Mit diesem fortschrittlichen Gesetz ist die Waldfreiheit festgeschrieben worden, die nicht nur ein passives Aufenthaltsrecht des Menschen im Walde regelt sondern ihm auch ein gewisses Nutzungsrecht: Beeren, Heilkräuter Pilze und Pflanzen gewährt. Es ist dort ausdrücklich geregelt, dass ohne besondere Erlaubnis Waldbesucher bis zu 2 kg der eßbaren (und nicht ausdrücklich geschützten) Pilze sammeln dürfen.

Dieses Forstgesetz ist auch eine selten gewordene juristische und politische Glanzleistung gewesen, weil es das Spannungsfeld zwischen Allgemeingut und Eigentum vernünftig gelöst und damit auch zugleich dem Naturschutz und dem Kulturerbe einen Dienst erwiesen hat. Damit wurde de facto auch ein neuer Gemeingüterbegriff konstituiert: Gemeingüter sind in diesem Sinne das, was uns nicht allein gehört und nicht etwa das was uns allen gehört! Es sind Commons - wie man sie heute im digitalen Zeitalter - auch wieder benennt und kennt. Commons sind nicht schechthin mit unseren eigentumsrechtlichen Begriffen zu beschreiben, sie sind vielmehr eine Kulturhandlung und sie sind unabdingbar.

Commons bestehen, indem sie erkannt und anerkannt werden, vor allem aber dadurch dass sie aktiv genutzt, gepflegt und an die Erfordernisse der Zeit angepasst werden. Genau dies ist im Forstgesetz eigentlich lange vor dem Umwelthype und dem Web schon 1975 vorausschauend gesehen worden.

Dieser Riegel des Forstgesetzes vor der willkürlichen ausschließlichen Nutzung sowohl durch Waldbesitzer (als auch der Gemeineigentümer) scheint manchen in Vorarlberg ein Dorn im Auge zu sein und die aktive Tolerierung des Pilzsammelverbotes durch die Bezirkshauptmannschaft Feldkirch - ein offener Bruch bundesgesetzlicher Regelungen mit einer zudem offenbar rechtswidrigen und irreführenwollenden Beschilderung.

Selbst das Vorarlberger Naturdokmentationsinstitut, die INATURA in Dornbirn, schreibt auf seiner Website ausdrücklich: "Das Sammeln von Speisepilzen begeistert immer mehr Naturfreunde. Damit dieses Vergnügen ungetrübt bleibt, sind einige wichtige Hinweise zu beachten". Die Hinweise verweisen auch auf das ausdrückliche Recht zu diesem naturnahen und sanften, erholsamen "Vergnügen".

Kniefall vor den Jagdpächtern. Aus den Unterlagen zu diesem Verbot geht auch eindeutig hervor, wem dieses Pilzsammelverbot in Laterns dienen soll: der Jägerschaft, den Jagdberechtigen, dem Jagdpächter. Während die Gemeinde Laterns davon ausgeht, dass die Holznutzung in ihrem Wald in den nächsten Jahren durch übermäßige Nutzung und Wildverbiss zurückgeht, will man die Erträgnisse aus der Jagdverpachtung steigern, das bedeutet nicht weniger sondern mehr Wild und mehr Wildverbiss! Keine zukunftsfähige Vision, wenn man bedenkt, dass aufgrund der Höhenlage die Umtriebszeit des nutzbaren Walser-Waldes zwischen 120 und 140 Jahren liegt.

Kulturverlust. Mit einem Pilzsammelverbot fehlt auf dem Speisezettel privater Haushalte nicht nur ein wichtiger Nährstofflieferant. Abgesehen von einer auch unterstellten Heilkraft empfehlen Experten den Verzehr von Pilzen aus vielerlei gesundheitlichen Gründen. Pilze sind sehr kalorienarm und sie enthalten andere Kohlenhydrate als Pflanzen: keine Stärke, dafür aber Mannit, eine besonders für Diabetiker geeignete Zuckerart. Pilze regulieren die Verdauung durch ihren Gehalt an Ballaststoffen und sie liefern wertvolle Mineralstoffe und Vitamine.

Sammelrecht. Weltweit stammen auch heute 80 Prozent aller verwendeten Heilpflanzen aus Wildsammlung. Für Europa sind das 30.000 Tonnen jährlich. Nicht einmal fünf Prozent der bekannten 50.000 verschiedenen weltweit genutzten Heilpflanzenarten stammen aus Anbau.

Der Ausschluss des Menschen aus dem Wald geht mit einem Kulturverlust einher, weil das Wissen, die Erfahrungen und das Lernen in und an der Natur für den einzelnen verloren gehen. Die umsichtige Nutzung und gleichzeitige Wertschätzung einer Pflanzenart durch die heimische Bevölkerung sorgt dafür, dass auch das Wissen über ihre Reproduktionsbedingungen dort erhalten bleibt. Und es muss auch das Wissen über den Gebrauch erhalten bleiben. Es ist nicht unähnlich dem Politikwissen und der Menschenrechte, die sich erst im Gebrauch reproduzieren und ohne Gebrauch nur totes Recht sind.

Unlautere Tourismuswerbung. Erst im Gebrauch erreicht auch das Wissen um die Kräfte und Bedingungen der Pflanzen- und Tierwelt seine volle schöpferische Leistung. Freilich kann man auch mit Hilfe von Büchern Wissen weitergeben. Durch den Gebrauch erst bleibt eine große Menge an Gebrauchswissen lebendig. Zur lokalen Artenvielfalt gesellt sich auf diese Weise auch eine reiche lokale Produktvielfalt die vielerorts auch für den Tourismus nützbar ist. Selbst die Gemeinde Laterns bietet auf ihrer Website den Touristen als Attraktion "Pilze suchen" an. Ein unlauterer wohl bedachter Werbegag? Derjenige Tourist, der zwar Pilze (be)suchen, sie aber nicht sammeln darf, wird sich von solcher Werbung wohl belogen fühlen. Kaum ein erfolgreiches Tourismuskonzept.